Das Leben in Nicaragua


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Die Menschen in Nicaragua leben anders als in Europa. Man könnte meinen, dass das Leben in Nicaragua für die Menschen einfacher ist. Auf eine bestimmte Weise stimmt das auch. Lernt man die Familien und ihre Probleme aber erst mal kennen, weiß man, dass das Leben alles andere als einfach ist. 

Das Leben in Nicaragua

Viele Familien, die ich in der Kleinstadt Somoto kennenlerne, leben unter normalen Umständen. Unter normal verstehe ich, dass die Familien in einer Wohnung oder einem Haus leben und mindestens ein Elternteil einer Arbeit nachgeht. Auch normal ist, wenn die Kinder mit ihrer Mutter und Oma alleine leben. Normal ist, dass die Kinder zur Schule gehen, ihre Hausaufgaben erledigen und mit Freunden spielen.

Die Familien sind klein oder groß und in vielen Häusern leben mehrere Generationen unter einem Dach. Man wird in fast jedem Haushalt Hausangestellte finden, die wie ein Teil der Familie leben. Es gibt keine Spülmaschine und das Wasser fließt nur zwei Mal am Tag für wenige Stunden.

Die Menschen leben ohne Versicherungen und Ansparungen. Sie leben in den Tag hinein und genießen jeden Moment, den sie mit der Familie verbringen. Die Kinder sind ein Lichtblick in jedem einzelnen Moment und bringen viel Bereicherung in das Leben der Nicas.

In den Familien wird gekocht und zusammen gegessen. Oft kommen Tanten, Onkel oder Freunde auf einen Kaffee zu Besuch und bleiben bis in die späten Abendstunden. Es fühlt sich an wie eine große Lebensgemeinschaft, in der man sein kann wie man ist. Es wird in großer Runde diskutiert, gelacht und gegessen.

Familien auf dem Land

Etwas anders sieht es in den kleinen Dörfern aus, die Somoto umgeben. Dazu gehört La Playa, das Dorf, in dem ich 40 Kinder betreue. Von Somoto sind es 15 Minuten mit dem Taxi. Von der Landstraße bis zum Dorf sind es noch einmal 15 Minuten Gehweg. Manche Familien wohnen weit oben und haben einen Weg von anderthalb Stunden vor sich. Die Sonne scheint fast täglich bei 32 Grad.

Hier leben Familien, die nicht viel besitzen. Hier gibt es weder einen Supermarkt noch eine Apotheke. Die Frauen holen ihr Wasser täglich aus dem Brunnen und tragen es nach Hause. Damit wird gekocht, gewaschen und gegessen. Für uns ist das Wasser nicht trinkbar und mir wird immer wieder gesagt, ich solle aufpassen und es in keinem Fall trinken.

Die Küche in einem der Häuser in La Playa

Die Küche in einem der Häuser in La Playa

Die Häuser bestehen aus Backsteinen und Zement und tragen Wellblechdächer. Es gibt zwei Räume und eine kleine Nische zum Kochen, die sich oft draußen befindet. Hier wird auf heißer Flamme Reis für die ganze Familie gekocht. Es gibt zwei kleine Räume für eine große Familie. Der größere Raum ist das Wohn- und Esszimmer in einem. Hier wird gegessen, gespielt und gelebt. In dem zweiten Raum stehen die Betten. Hier schlafen Großeltern und Eltern zusammen mit ihren Kindern in den Betten.

Frauen und Kinder

Die Frauen in La Playa arbeiten viel. Viele ziehen nach Honduras oder Costa Rica, um dort Arbeit zu finden. Daher sind es oft die Großmütter, die sich um die Kinder kümmern und sich um den Haushalt sorgen. Sie sind es, die die Kinder erziehen.

Zu Besuch in einer Familie

Zu Besuch in einer Familie

Die Mütter verlassen das Land, um zu arbeiten. Sie kommen alle paar Monate nach Hause, um dann für die Arbeit wieder zu verschwinden. Es kommt vor, dass sie nicht wiederkommen. So im Fall von einem Mädchen aus meinem Projekt. Sie ist 12 Jahre alt und lebt bei ihrer  Oma. Die Mutter hat sich nach Honduras abgesetzt, als die Kleine zwei Jahre alt war. Die Mutter wollte Arbeit finden und hat sich bei einem Mann niedergelassen. Sie ist nicht wiedergekommen. Selten kommt sie nach La Playa und bringt Geld. Das kleine Mädchen und ihre Oma leben alleine und besitzen nicht einmal mehr Tiere. Die Hühner wurden ihnen geklaut.

Man sieht deutlich, dass die Familien in La Playa um ihr Überleben kämpfen. Viele Männer arbeiten auf dem Feld, besonders im Winter, wenn es regnet. In den letzten Jahren hat der Regen hier aber so stark abgenommen, dass die Männer auf dem Feld nicht mehr gebraucht werden. Man spricht vom Klimawandel. Es ist heiß und es regnet kaum noch.

Ich mit zwei Mädchen aus La Playa

Ich mit zwei Mädchen aus La Playa

Die Mädchen vom Land arbeiten häufig schon mit 15 Jahren, meist auf dem Feld, wo sie bei der Tomatenernte helfen. Sie gehen nicht zur Schule, weil sie im Haushalt helfen müssen. Ich habe Mädchen in diesem Alter getroffen, die nicht mehr zur Schule gehen. Sie sind schüchtern und wissen, dass sie genau so eine Zukunft wie ihre Mütter vor sich haben. Sie sind perspektivlos und haben trotzdem ihre Träume.

So treffe ich die 21-Jährige Mutter einer der kleinen Mädchen in unserem Projekt. Sie sagt mir, dass sie gerne Psychologie studieren würde, aber sie wisse nicht genau, ob sie es auch tun würde. Schließlich hat sie eine Tochter zu versorgen. Sie lebt mit ihrer Mutter, Schwester und 5 Kindern in einem Haus.

Die jungen Frauen in Nicaragua machen sich abhängig und tragen schon im jungen Alter viel auf ihren Schultern. Sie haben kaum eine Chance zu studieren, da sie schon im jungen Alter mithelfen müssen und mit den Problemen um die Existenz der Familie konfrontiert werden. Für ein Studium braucht es nicht viel. An den öffentlichen Unis ist die Immatrikulation kostenlos. Es sind die Lebensumstände, die die Mädchen zurückhalten.

Und die Männer?

Die Männer bleiben selten bei ihren Frauen. Viele Frauen und selbst Männer haben mir bestätigt, dass die Männer Machos sind. Das gilt besonders für die ländliche Gegend im Norden Nicaraguas. Viele Männer verschwinden kurz nach der Geburt des Kindes oder schon nach Bekanntgabe der Schwangerschaft. Sie suchen sich eine jüngere Freundin und gründen mit ihr eine Familie. Die Frauen müssen alleine über die Runden kommen und sind oft auf andere Familienmitglieder angewiesen.

Im Garten einer Familie in La Playa

La Playa

In anderen Fällen, wenn der Familienvater bei der Frau bleibt, kommt es oft zu häuslicher Gewalt. Die Frau ist abhängig. Sie wurde früh Mutter, hat nicht studiert und hat keine Arbeitserfahrungen. Von einer Frau erfahre ich, dass sie nur mit ihrem Mann zusammen bleibt, damit sie studieren kann. Sobald sie den Abschluss hat, wird sie ihre Kinder nehmen und gehen. Das wird aber noch dauern und die Kinder sind den unerträglichen Launen des Vaters ausgesetzt. Man möchte nicht wissen, was sich hinter verschlossener Tür abspielt. Der Frau merkt man nichts an. Sie ist jung, hübsch und hat einen gewissen Sinn für Humor.

 

 

Viele Frauen ahnen, dass ihr Mann sie betrügt oder anderen Frauen hinterherläuft, aber sie können nichts machen. Sie wollen die Zukunft ihrer Kinder nicht aufs Spiel setzen.

Fazit

Das Leben in Nicaragua ist nicht einfach, aber es ist einfacher aus unseren Augen gesehen. Wir laden uns alles mögliche auf, damit wir von der puren Langeweile nicht eingeholt werden. In Nicaragua ist die Langeweile Alltag. Hier hat man auf den nächsten Bus zu warten und wenn er erst in 40 Minuten kommt, dann ist das halt so. Als ich mit einer Freundin aus Nicaragua über das Leben hier sprach, hat sie es kurz und knapp mit einem Satz auf den Punkt gebracht: „Wenn du in Nicaragua reich sein willst, musst du improvisieren.“

 

 

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